Auf den Spuren von Lenné, Schadow, Langhans und Gropius

Wer die Augen in und um Boitzenburg aufhält, findet viele Zeugen der Vergangenheit. Seien es Verzierungen an den kleinen Kapellen und Tempeln, alte Türen oder Inschriften an Fachwerkhäusern, schmiedeeiserne Tore und Metalltafeln oder Gedenksteine für erlegte Hirsche. Suchen Sie die schönen Plätze im Wald, an denen schon die von Arnims gern verweilten wie „Dietloffs Lust“, den „Verlobungsstein“ oder den „Vierbrüderplatz“. Fragen Sie die Einheimischen. Sie können Ihnen viel erzählen von der bewegten Geschichte Boitzenburgs, die mit jedem Jahr mehr und mehr in Vergessenheit gerät.

Architekturspaziergang in und um Boitzenburg

Unbedingt lohnenswerter ist der Architekturspaziergang, den sich Carsten Frerich, Architekt und Gastwirt des Gasthofs zum grünen Baum, ausgedacht hat. Hier ist er in seiner ganzen Länge beschrieben, in unserer Gasthof-Broschüre finden Sie eine etwas kürzere Version, die Sie am Ende dieses Textes als PDF-Datei mit drei DIN-A4-Seiten herunterladen können.

Boitzenburg_Plan

Ihr Spaziergang beginnt auf dem Parkplatz des Gasthofs zum grünen Baum Richtung Schloss. Schon gleich das erste Gebäude an der Ecke, das Verwalterhaus von 1913, ist einen Augenblick wert. Früher als Gebäude zur Verwaltung der Besitztümer und Wirtschaftsgüter des Schlosses aus Land- und Forstwirtschaft genutzt, steht es nun seit etlichen Jahren leer und verfällt zusehends.

Verwaltergebaeude

Laufen Sie weiter vorbei an den malerischen Fachwerkhäusern, den sogenannten Beamtenhäusern. Hier durften Angestellte des Grafen mit höherem Rang wohnen. Die glänzenden Dachziegel sind über 100 Jahre alt und trotzen durch die wasser- und schmutzabweisende Glasur Wind und Wetter. Das letzte Haus in dieser Reihe, das sich nicht nur durch die Giebelständigkeit stark von den anderen unterscheidet, ersetzte in den 70er Jahren das zweigeschossige Waschhaus mit einem hohen Giebel aus der Zeit der Neorenaissance.

Etwa am vorletzten Fachwerkhaus überqueren Sie die Straße zum Marstall, der, entworfen von Carl Gotthard Langhans (Erbauer des Brandenburger Tors), Unterkunft der Pferde und der Reitstall des Schlosses war. Das Wappen über dem Eingang hatten die neuen Hausherren nach der Enteignung der von Arnims glücklicherweise nicht zerstört, sondern durch einen Bretterverschlag verhüllt. Zu der Zeit, als das Schloss als Erholungsheim für Angehörige der Nationalen Volksarmee (NVA) diente, wurde hier eine Kantine betrieben. Heute ist hier ein Café mit Schokoladenmanufaktur und Kaffeerösterei untergebracht.

Schloss Boitzenburg – Neuschwanstein des Nordens

Das Schloss wurde erstmals 1276 urkundlich erwähnt und als Wasserburg errichtet, wahrscheinlich von einem Gerhard Boyceneburch, der dem Ort den Namen gab. Die Burg und später auch das Schloss erfuhren von jedem seiner Besitzer eine bauliche Veränderung und Anpassung an den Stil der Zeit. Zu den bekanntesten Baumeistern zählt Friedrich-August Stüler (Neues Museum Berlin, Kuppel und Hauptportal des Stadtschlosses Berlin). Die letzte große Umgestaltung wurde von Karl Doflein von 1881–84 ausgeführt, dessen Neorenaissancestil bis jetzt bewahrt wurde. Heute ist im Schloss ein Kinder- und Jugendhotel mit 300 Betten untergebracht.

Nach einem Abstecher um das Schloss herum, vorbei am Küchenteich und dem großen und kleinen Karpfenteich, biegen Sie hinter dem Wiesenhaus – dem Bettenhaus des Schlosses – rechts auf den Weg ab, der Sie zu einer Brücke über den Marienfließ führt. Dieser Kopfsteinpflasterweg ist die eigentliche Hauptzufahrt des Schlosses, die heute jedoch nicht mehr genutzt wird.

Einige Schritte weiter biegen Sie rechts ab auf einen Waldweg, der sich immer in Sichtweite des kleinen Karpfenteichs malerisch durch den Wald schlängelt. Kurze Zeit, nachdem sich der schmaler werdende Weg etwas vom Ufer entfernt hat, erreichen Sie die Ruine des Gedächtnistempels, der wegen des Symbols der ewigen Wiederkunft im Giebelgesims – eine sich in den Schwanz beißende Schlange – auch Schlangentempel genannt wird. Gebaut wurde der Tempel im Auftrag der Gräfin Freda Antoinette von Arnim nach den Plänen von Carl Gotthard Langhans 1804/05 zum Gedenken an ihren verstorbenen Mann Friedrich Wilhelm von Arnim. Im Inneren des Tempels war eine Figur von Johann Gottfried Schadow (Bildhauer der Quadriga auf dem Brandenburger Tor) aufgestellt. „Die Trauernde“ ist ein Abbild von Freda Antoinette, mit einem Hund zu ihren Füßen als Zeichen der Treue. 1987 wurde die Figur in die Skulpturensammlung der Friedrichwerderschen Kirche in Berlin aufgenommen. Diese ist jedoch bis auf weiteres geschlossen – wegen massiver Bauschäden, die kurz nach der umfassenden Restaurierung durch den Bau von bis zu 7-stöckigen Luxus-Wohnhäusern in unmittelbarer Nähe der Kirche entstanden sind und noch immer entstehen.

Durch den ehemaligen Lenné-Park zur Martin-Gropius-Kapelle

Wandern Sie weiter den etwas ansteigenden Weg bis zur nächsten Gabelung. Hier nehmen Sie den Weg rechts. Sie können ihn nicht verfehlen, denn am Anfang des Weges befindet sich ein großer Stein mit der Aufschrift Carolinenhain, benannt nach der Gräfin Anna Caroline von Arnim. Der Caroinenhain gehört zu dem von Peter-Joseph Lenné angelegten Schlosspark. Folgen Sie dem Weg immer weiter. Bald stoßen Sie auf einen spitzen Abzweig nach links Richtung Apollotempel, Erbbegräbnis und Gutshof. Merken Sie sich diesen Punkt, denn nach einem Abstecher nach rechts nehmen Sie diesen Weg zurück. Aber vorher geht es noch ein paar Meter geradeaus. Achten Sie nach etwa 100 Metern auf den schmalen Weg rechts, dieser führt Sie zur Roten Kapelle, mit deren Planung 1875 der bekannte Berliner Architekt Martin Gropius beauftragt wurde. Der rote Sichtstein gab der Kapelle den Namen, grün glasierte Ziersteine verleihen ihr besondere Akzente in der Außengestaltung. Den Krieg hatte die Kapelle gut überstanden, jedoch beschädigte ein umgestürzter Baum später das Dach und die Kapelle verfiel.

Gehen Sie nun das kurze Stück des Weges zurück bis zu dem eben beschrieben Abzweig und folgen Sie dem Weg rechts. Bald erreichen Sie die Straße nach Templin. Kurz vorher biegen Sie links ab und wandern über eine kleine Brücke mit weißem Geländer immer dem Weg nach, der sich durch den Wald schlängelt. Und schon öffnet sich der Blick zum Apollotempel. Und von dort aus zum Schloss. Der Apollotempel wurde 1855 von Friedrich-August Stüler errichtet. In seiner Mitte stand eine Apollostatue, die noch heute im Morast des kleinen Karpfenteichs liegen soll.

Kehren Sie dem Schloss den Rücken und nehmen Sie den halblinken Weg. Ein paar Meter weiter haben Sie die Erbbegräbnisstätte der Familie von Arnim erreicht. Wegen massiver Vandalismusschäden der letzten Jahre ist der Zugang zu der Stätte heute verboten. Wir bitten Sie, dies zu beachten und zu respektieren. Karl Doflein wurde 1888/89 beauftragt, an diesem Platz eine Ruhestätte für den gerade verstorbenen Grafen Adolf von Arnim zu errichten, die aber auch groß genug sein sollte, um auch als letzte Ruhestätte der gräflichen Familie zu dienen. Bis dahin wurden die von Arnims in einer Gruft in der Kirche St. Marien auf dem Berge bestattet. Die beiden treppenflankierenden Löwen blicken zum Schloss und zur Kirche.

Über den Gutshof zur Klosterruine

Nun geht es links an der großen Platane vorbei einen kleinen abschüssigen Weg hinunter. Unten angekommen laufen Sie rechts an dem gelben Haus der Gemeindeverwaltung und der imposanten Spitzblättrigen Buche vorbei. Schlagen Sie dann links den schmalen mit Platten belegten Weg ein zum grünen Fachwerkhaus, dem früheren Haus des Schlossgärtners. Gegenüber diesem verzierten Fachwerkbau von etwa 1780 lag die Gärtnerei, berühmt für seltene Pflanzen wie die Nachtkerze, die nur eine Nacht im Jahr blühte. Heute steht hier eine Neubausiedlung.

Gärtnerhaus

Ein paar Schritte weiter stoßen Sie auf die Straße, die Sie überqueren und im Neubaugebiet entweder in die zweite Straße rechts abbiegen (hier haben Sie einen wunderbaren Blick über die Fischteiche zur Kirche) oder schon die erste Straße rechts nehmen. Auf diesem Weg erreichen Sie nach etwa 150 m den ehemaligen Gutshof mit einem großen Platz in der Mitte. Hier war früher das Vieh untergebracht. Am Ende der Gutsanlage gehen Sie links und kommen, wie auch bei dem Weg oberhalb der Fischteiche, an der „Leuna“-Zapfsäule heraus. Folgen Sie rechts dem Radweg Spur der Steine etwa 1,5 km durch den Wald, bis Sie zur Klostermühle gelangen. Seit 1271 wird in der Mühle Korn zu Mehl verarbeitet und ein Sägegatter betrieben. Erst 1959 wurde der Mahlbetrieb aufgegeben. Der Sammelleidenschaft und Weitsicht des seinerzeit letzten Müllers Willi Witte ist der Erhalt dieses, in seiner Vollständigkeit einmaligen, Zeugnisses der Mühlentechnik zu verdanken. Eine Besichtigung ist unbedingt zu empfehlen.

Gleich hinter der Mühle steht das Gemäuer des Zisterzienserinnenklosters. Der Bau erfolgte etwa zeitgleich zur Errichtung des Klosters Chorin um das Jahr 1271. 1637 wurde das Kloster im 30-jährigen Krieg zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Durch‘s Dorf zur Kirche

Von der Mühle bzw. der Klosterruine führt die Straße hinauf ins Dorf an einem hölzernen Wisentkopf vorbei. Dieser erinnert an die kurze Zeit von 1921 bis 1945, als im Tiergarten Wisente gezüchtet wurden. An der Hauptstraße halten Sie sich links. Gleich rechts sind die Schnitterkasernen zu sehen, einige noch erhaltene Fachwerkhäuser und auf der linken Seite ein Haus im klassizistischen Stil von Carl Lorentz, in dem sein Bruder Albert um 1890 ein Fotolabor betrieb. Ihm verdankt Boitzenburg etliche Postkarten mit Ansichten aus der romantisch scheinenden Vergangenheit des Dorfes. Einige davon sind zu sehen im Gasthof zum grünen Baum.

Hinter dem Kriegerdenkmal, an dessen Stelle einmal eine kleine Siegessäule mit goldener Viktoria zur Erinnerung an die Befreiungskriege stand, thront die Kirche St. Marien auf dem Berge. Erbaut um 1270 aus Feldsteinen erhielt sie um 1600 als erste Erweiterung im Westen einen Turm mit spitzer Haube. Mitte des 18. Jh. wurde er noch einmal aufgestockt und mit einer barocken Haube umgestaltet. Die 2. Erweiterung erfolgte mit dem Chor im Osten, die 3. mit der Patronatsloge mit Kamin im Süden und die 4. mit der Winterkirche 1840 im Norden. Den Altar von 1718 zieren acht korinthische Säulen mit Baldachinbekrönung, in der Mitte das Gottesauge und davor stehend vier Evangelisten. Vom 47 m hohen Turm bietet sich ein Rundblick über den wunderschönen Weg, den Sie zurückgelegt haben.

Von der Kirche aus geht ein schmaler Pfad zu unserem Gasthof zum grünen Baum, ein verfallenes Gebäude mit Zügen des Klassizismus. Schon im 18. Jahrhundert als Pferdewechsel- und Poststation genutzt, war hier bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts ein beliebter Treffpunkt. Auf dem Vorplatz wurde der Viehmarkt abgehalten und die Einnahmen gleich im Gasthof wieder verprasst. Als mit der Bildung der LPG der freie Markt erheblich erschwert wurde, verfiel der Gasthof immer mehr und ist heute nur noch eine sehr aufwändig zu sanierende Ruine. Im dahinterliegende Stallgebäude können Sie sich nach Ihrem Spaziergang aber bereits bestens bei einem kühlen Getränk und schmackhaften regionalen Gerichten stärken.

Hier können Sie sich den Architekturspaziergang in Kurzform herunterladen. Die PDF-Datei enthält drei DIN-A4-Blätter: Architektur_Spaziergang